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Franz Kafka - Der Prozess - Reclam 1995 Advokat, Fabrikant, Maler (S. 103-152)

In diesem Kapitel verliert K. mehr und mehr die Kontrolle über und die Distanz zu seinem Prozess. Die Formulierung „Früher, etwa noch vor einer Woche“ (S.115 Z.21), verdeutlicht, wie schnell diese Veränderung vonstatten geht. K. misstraut der Kompetenz des Advokaten, der, statt den Fortgang seines Pro- zesses zu unterstützen, K. lieber Geschichten vom Wesen des Gerichts erzählt und beschließt, das Verfahren fortan selbst in die Hand zu nehmen. Zu diesem Ent- schluss gelangt er jedoch vornehmlich in „Zuständen großer Müdigkeit“, in denen „ihm alles willenlos durch den Kopf zieht“ (S.114 Z.3f). Von neuem Ehrgeiz gepackt will er dem Advokaten kündigen, seine Eingabe machen und alles daran setzen, Bewegung in seine Sache zu bringen. Dies hat zur Folge, dass ihn der Prozess nunmehr ganz und gar in Anspruch nimmt. K. vernachlässigt die Arbeit im Büro und ist bereit, seine Karriere zumindest vorläufig hintan zu stellen. „Wäre er allein in der Welt gewesen, hätte er den Prozess leicht missachten können“ (S.114 Z. 7f), so aber fühlt er sich gezwungen, sich dem Verfahren zu stellen. Für einen erfolgreichen Verlauf sieht K. es als unabdingbar an, jeglichen Gedanken an Schuld von vorneherein abzulehnen. In der Bank bekommt K. den Tipp eines Fabrikanten, mit dem Gerichtsmaler Titorel- li Kontakt aufzunehmen. K. sagt seine Termine ab und sucht die schäbige Gegend auf, in welcher der Maler wohnt. Im Treppenhaus begleiten ihn Mädchen, die in K.s Augen „eine Mischung aus Kindlichkeit und Verworfenheit“ (S.129 Z.25) verkörpern. Später wird er darauf hingewiesen, dass auch sie Teil des Gerichts sind. Titorelli empfängt K. mit einem Nachthemd bekleidet in seiner schmuddeligen, sti- ckigen Wohnung, verhält sich jedoch durchaus zuvorkommend und höflich. Auf der Staffelei des Malers befindet sich das Porträt eines Richters. Ebenfalls abgebildet ist die Allegorie der Gerechtigkeit in die zugleich auch Symbole der Siegesgöttin einge- woben sind. K. assoziiert die Erscheinung mit der Göttin der Jagd. K. sieht in Titorelli eine wichtige Verbindungsperson zu einflussreichen Beamten des Gerichtswesens, ist dieser doch Vertrauensmann des Gerichts und mindestens in zweiter Generation erfahrener Gerichtsmaler. Titorelli gibt an, bereits unzählige Pro- zesse, jedoch noch keine wirkliche Freisprechung erlebt zu haben. Dennoch bietet er seine Hilfe an, und verspricht K.: „Ich alleine hole Sie heraus“(S.137 Z.35). Dafür stehen neben der wirklichen Freisprechung noch zwei weitere Möglichkeiten, die scheinbare Freisprechung und die Verschleppung, zur Auswahl. Bei ersterer verfasst der Angeklagte eine Bestätigung seiner Unschuld, der Maler bürgt dafür und sammelt die Unterschriften möglichst vieler Richter, um den zuständigen Richter zu beeinflussen. Bei letzterer wird das Verfahren dauernd im niedrigsten Prozessstadium gehalten, sodass es nie zu einer Verurteilung kommt.Die Zukunft des Angeklagten ist weniger unbestimmt, dafür muss er sich regelmäßig klei- nen, der Form halber stattfindenden Verhören stellen. Bei beiden Möglichkeiten wird der Angeklagte nicht verurteilt, jedoch auch nie endgültig freigesprochen. K. bittet um Bedenkzeit und verlässt Titorellis Stube über dessen Bett steigend durch eine zweite Tür, nachdem er dem Maler zuvor eine Reihe von Bildern abgekauft hat. K. erschrickt, als er erkennt, dass der Ausgang unmittelbar in eine Gerichtskanzlei führt. Bedeutend mehr erschrickt er jedoch auch hier wieder über die Erkenntnis seiner Unwis- senheit und Unbedachtheit, welche ihn bereits nach Übergabe des Briefes eingeholt hatte. Zurück im Büro verstaut K. die Bilder in der untersten Lade seines Schreibtisches. Davide R. 2013
11.11.13 23:30
 


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